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Askanier sicherten die Burg Querfurt

Ritterfreunde aus Berlin lagerten in der Feste und übten sich im Schwertkampf

VON HANS-ERDMANN GRINGER

Bogenschütze mit Sicherheitspfeil: Die Askanier gingen es am Wochenende in Querfurt locker an. Foto: Peter Wölk


QUERFURT/MZ. Der rote askanische Adler prangte schon am Eingang der Querfurter Burg und signalisierte weithin sichtbar: Wir sind da und halten Wacht. Die Mitglieder vom Verein Bruderschaft der Askanier aus Berlin waren am Wochenende in die mittelalterliche Wehrfeste gekommen, um das aktuelle Jahr beschaulich ausklingen zu lassen. Natürlich standesgemäß mit Topfhelm, Kettenhemd, Panzerfäustlingen, Schwert und Schild. Insgesamt zehn prächtige Zelte waren auf dem Rollrasen aufgebaut, voll mit Ausrüstung plus dem Baldachin, der überdachten Festtafel und dem Küchenzelt.

"Seit Bestehen des Vereins 1999 schauen wir hier in Querfurt regelmäßig vorbei, nur im Vorjahr mussten wir eine Pause machen", sagt Frank Endelich, seines Zeichens Komtur Ulrich vom Ende und im richtigen Leben Steuerfachangestellter. "Die Burg hat genau das Ambiente, was uns gefällt und was wir brauchen." Er und seine rund 20 Mitstreiter, vom Tischler über den Studenten bis zum KfZ-Meister, lieben es, immer wieder in die Rollen einstiger Ritter zu schlüpfen. Auch drei Frauen sind bei den robusten Gesellen dabei und "Spinnfuß" Irina, gerade mal elf Jahre alt, sowie Verbündete von den Templerkomtureien Tornow und Berlin. Sechs bis acht Mal ziehen sie pro Jahr quer durch Deutschland, um bei Mittelalterfesten, Stadtfeiern oder historischen Jubiläen für Aufregung, Stimmung und Kurzweil zu sorgen. Auch in Dänemark waren sie schon, doch da alle berufstätig sind, lassen sich solche Auslandstermine fast gar nicht realisieren. Sie stellen Schwertkämpfe nach, halten lauthals Gericht, üben sich im Gebrauch des Bogens und zeigen uriges Lagerleben, so wie es im frühen Mittelalter usus war. Und Askanier nennen sie sich deshalb, weil Albrecht der Bär (1100 bis 1170), Stammvater des Askanier-Geschlechts, der ja eigentlich aus dem Vorharz stammt, auch die Mark Brandenburg befriedete und dort "für Ruhe und Ordnung gesorgt hat", wie die Recken betonen.

Sie waren natürlich auch schon in Ballenstedt am Grab Albrechts und haben dort einen Kranz nieder gelegt. Und sie haben sich bei einer Busfahrt die Burg Falkenstein angesehen, wo bekanntlich Eike von Repgow mit dem Sachsenspiegel Rechtsgeschichte geschrieben hat.

Hier und jetzt in Querfurt ist Ruhe angesagt. Ab und an werden kurze Schwertgefechte inszeniert oder die Bögen für ein Turnier mit strengen Regeln gespannt. Dann beschießt man sich mit Pfeilen, die statt einer Spitze einen Schaumstoffball haben, denn Verletzungen will niemand riskieren. Roderich alias Sven Rehfeld, im wahren Leben Justizbeamter, lässt seinen weißen Heroldsstab nicht aus den Augen. Danach an der Festtafel gibt es Wildschweingulasch, der unentwegt im Topf köchelt, und das Wasser im Becher (in Wahrheit Bier, praktisch in der Fünfliter-Dose unter dem Klappsitz versteckt) macht die Runde. Doch während der Vorführungen ist Alkohol verpönt wie sie betonen. Auch Politik und Sport sind in der Gemeinschaft tabu. Manchmal überkomme sie schon die Sehnsucht nach Heizung, Komfort und warmen Wasser, sagen die Ritter, doch man versuche, so authentisch wie möglich und ganz ritterlich zu sein, getreu dem lateinischen Motto: "Miles Askania Primus inter Pares", was so viel heißt wie "Askanische Ritter sind die Ersten unter Gleichen".

Gäste der Burg Querfurt verfolgten dabei das muntere Mittelalter-Treiben mit Wohlgefallen. Matthias Kurzhals aus Barnstädt etwa, der mit seinem vierjährigen Sohn Timo vorbei gekommen war. Er hatte zuvor in der MZ von den Askaniern gelesen und wollte die Ritter mal in natura sehen. Timo hat daheim natürlich ein Ritterbuch und bekam große Augen, als die Kämpen lauthals die Schwerter schwangen. Und auch Rene Schatz aus Bad Dürrenberg schaute dem bunten Treiben interessiert zu. "Das finde ich alles wirklich prima", meinte er. Spaß machte es offensichtlich allen, Besuchern wie den Rittern.

MITTELALTER:
Die Bruderschaft der Askanier will die Burg Ziesar erobern

ZIESAR - „Es wird Mittelalter zum Anfassen“, verspricht Clemens Bergstedt. Der Museumsleiter auf der Burg Ziesar fiebert einem besonderen Höhepunkt entgegen, wie ihn die alte Bischofsresidenz in ihrer über 700-jährigen Geschichte wohl nie erlebt hat – die Erstürmung durch die Bruderschaft der Askanier. Aber keine Angst, die Belagerung mit einer Steinschleuder wird unblutig und ohne eingerammte Tore verlaufen. Denn bei der Bruderschaft handelt es sich nicht um kriegerische Nachfahren aus dem Heer des askanischen Markgrafen Otto IV, der 1290 Ziesar bedrängte und viele Gefangene machte.

Ihr Heerlager bauen Mittelalter-Fans aus Berlin auf, die 1999 die Bruderschaft der Askanier gründeten. Der Verein ist keine Trachtengruppe, sondern bemüht sich um historische Authentizität. Mit 15 Mittelalterzelten, einer Rittertafel, Waffenständern und Schaukämpfen ziehen die Hobby-Askanier an den Wochenenden von Burg zu Burg, um das Leben dieses märkischen Adelsgeschlechtes vorzustellen. Die Askanier waren keine Freunde des in Ziesar residierenden Bischofs. Der Kampf um Macht und Einfluss machte sie zu Konkurrenten. „Ob bei dem Waffengang anno 1290 neben der Stadt auch die Burg erobert wurde, ist leider nirgends überliefert“, räumt Museumsleiter Bergstedt ein. Doch wollen die Askanier von heute zeigen, wie das bischöfliche Gemäuer hätte fallen können. Zum Beispiel mit dem Tribock – einem Vorläufer der Artillerie. Mit dem Gestell aus Holzstämmen konnten große Steine geschleudert werden. Die Bruderschaft verwendet lieber Wasserballons.

Ihr Auftritt am 6. und 7. September soll sich für die ganze Familie lohnen. Ritterliche Kämpfe werden gezeigt, Urkunden können besiegelt werden, Schilder und Schwerter sind zum Bemalen da. Und auch die Erwachsenen können sich im Bogenschießen und beim Führen eines Schwertes beweisen. Natürlich stehen auch die im Burgpark aufgebauten Zelte den Besuchern offen.
(von Frank Bürstenbinder)

Mitglieder der Bruderschaft der Askanier (Foto: Marcus Porsch)

Deutschland gilt als das Land der Burgen. Geschichtsträchtige Orte sind reichlich vorhanden. Mit der eigenen Vergangenheit hingegen haben die meisten Deutschen ein Problem. Mit einer Ausnahme: Historische Vereine.

Recken in Rüstung, Damen in wallenden Gewändern:
Bei der Bruderschaft der Askanier schreibt man das 13. Jahrhundert. Seit fast zehn Jahren gibt es den Berliner Verein, man sieht ihn auf Mittelaltermärkten, bei Schaukämpfen, manchmal auch in Schulen. Die sich da ins Kostüm werfen sind im normalen Leben Steuerbeamte, Ärzte oder Handwerker. Am Wochenende jedoch werden sie zu Rittern, Edelfräulein und Bogenschützen.
 
Allein in Berlin gibt es zehn solcher Vereine, deutschlandweit machen tausende Geschichtsbegeisterte in ihrer Freizeit solche Zeitreisen. "In unserem Land fällt es schwer, sich mit der Geschichte zu identifizieren, mit einer Leitfigur oder mit einem Ideal", erklärt Sigfrud von Burgund, Seneschall bei der Askanier-Bruderschaft. "Man wird hier ja schon schief angeguckt, wenn man einer Religion angehört. Aber die Leute suchen danach, identifizieren sich dann mit genau den Sachen, die wir machen."
 

Sigfrud spielt nicht nur Mittelalter. Für ihn ist es eine Lebenseinstellung, die sich aus einem Kindertraum entwickelt hat. Der alte Ritterkodex, höfisches Benehmen und genaue Kenntnisse der Epoche gehören dazu, außerdem natürlich das nötige Material: Rüstung, Schwerter, Schild, und Streitaxt, insgesamt einige tausend Euro.
 
Dazu kommt das Kampftraining. Denn die Askanier werden auch für Ritterspiele und andere Schaukämpfe gebucht. Außerdem messen sie sich untereinander. Nasenbeine, Handrücken und Arme sind oft die Leidtragenden des Hobbys, und auch mit neuzeitlichen Krankentransporten sind die Askanier gut vertraut. "Wenn man mit Metallgegenständen aufeinander einschlägt, trifft man eben auch mal", meint Ulrich von Ende alias Frank Endelich, Komtur der Bruderschaft. Kein Grund, das Hobby aufzugeben.
 
Obwohl das Mittelalter in Deutschland boomt, gibt es auch andere derartige Vereine. 200 Kilometer weiter, und 500 Jahre später lebt der Leipziger Michel Kothé in der Zeit der Völkerschlacht als preußischer Offizier im Kampf gegen Napoleon. Der studierte Politologe interessiert sich für die Geschichte seiner Heimatstadt, und kam schließlich über seinen Vater auch zu den Vereinen, die die Schlachten jedes Jahr nachstellen. Kothé sammelt alles, was damit zusammen hängt: Bücher, Filme, Zinnsoldaten und ein Playmobilset der berühmten Schlacht. Ein besonderes Einzelstück ist seine Uniform. Sie wurde aus einem dunkelblauen DDR-Eisenbahnermantel genäht, die Knöpfe sind platt gewalzte 20-Pfennig-Stücke aus der DDR. Not macht nun Mal erfinderisch.
 
Neben den vielen Besuchern der historischen Gefechtsdarstellung gibt es auch kritische Stimmen. Gerade wenn der Verein mit historischen Schusswaffen hantiert, sind seine Mitglieder schnell als Waffenfanatiker verschrien. "Man hat uns gefragt, warum wir Krieg spielen", erinnert sich Kothé. Er selbst sieht es eher als experimentelle Archäologie. Denn die Schlachtdarstellung ist nur ein kleiner Teil der Vereinsarbeit.
 
Viel öfter treffen sich die Schlachtenbummler zu einem Biwak, einer Art historischem Camping. "Da wird so gelebt wie 1813", schildert der Wahlpreuße. "Man bereitet Essen im Kessel zu, alle Handys werden verbannt, alles Unhistorische verschwindet." Plastikflaschen, Tupperdosen und Stahlbesteck sind tabu. Einzige Einschränkung: Es gibt neuzeitliche Schlafsäcke und sauberes Wasser.
 
Möglichst authentisch zu sein, ist der Anspruch aller Vereine. Aus Büchern und Museen sammeln die Geschichtsfans ihr Wissen über Kleidung, Essen und Ausrüstung bis hin zu mittelalterlicher Unterwäsche. Manche Vereine übernehmen auch die damaligen gesellschaftlichen Strukturen. So dürfen in den Heeren anno 1813 historisch belegt Frauen mitkämpfen. Aber bereits im Mittelalter wird es damit schwierig. Nur wenige  Vereine dulden auch bei öffentlichen Turnieren Weibsvolk an der Waffe. Einer davon sind die Bogenschützen der "Robins Kids" in Berlin. "Nur am Feuer sitzen, kochen und Gewandung nähen, das wäre mir zu langweilig," meint dessen Schatzmeisterin, die trotzdem den Vereinsnamen "Die weise Näherin" trägt. Aber schließlich ist sie durch das Interesse fürs Bogenschießen überhaupt erst zum Mittelalter gekommen.

Corneli