Arvid

Arvid
Im Jahre des Herrn 1300 erblickte ich im sächsischen Bergland das Licht der Welt, in jener rauen Gegend, die heute zwischen Aue und Schwarzenberg liegt. Dort, wo dichte Wälder die Berge bedecken und die Menschen seit Generationen dem Gestein abringen, was tief in seinem Inneren verborgen liegt.
Mein Vater war ein freier Mann, der sein Auskommen mit der Arbeit im Berg und im Wald fand. Schon als Knabe lernte ich, dass die Erde ihre Schätze nicht freiwillig preisgibt. Man muss tief graben, geduldig sein und oft lange suchen, ehe man erkennt, was das Gestein in seinem Inneren trägt.
Damals wusste ich noch nicht, dass mich diese Lehre mein ganzes Leben begleiten würde.
Meine Jugend war einfach. Ich lernte den Umgang mit Nutztieren, wusste mich im Wald zu bewegen und konnte Recht passabel mit dem Bogen umgehen.
Doch vom Rittertum wusste ich wenig. Ein Leben im Dienste eines Ritters schien mir so fern wie die großen Burgen und Turniere, von denen die fahrenden Leute erzählten.
Bis das Schicksal mich zu Johann von Blankenburg führte.
Johann war zu jener Zeit bereits ein Mann von vielen Jahren und noch mehr Erfahrungen. Er hatte Turniere gesehen, Kriege geführt, ferne Länder bereist und Jahre in Gefangenschaft verbracht. Sein Leben hatte ihm Dinge gelehrt, die ich als junger Mann kaum begreifen konnte.
Und doch sah er in mir etwas, das andere wohl übersahen.
Er sah keinen fertigen Ritter. Den konnte er auch nicht sehen.
Er sah einen jungen Mann, in dem etwas verborgen lag.
Einen Funken.
Oder, wie er es später einmal ausdrückte, ein Stück Erz, eingeschlossen in rohem Gestein.
Etwas, dessen Wert noch nicht sichtbar war, das aber darauf wartete, freigelegt zu werden.
Warum er gerade mich unter seine Obhut nahm, vermag ich bis heute nicht mit Gewissheit zu sagen. Vielleicht erkannte er in mir etwas, das er selbst einst gewesen war. Vielleicht erinnerte ich ihn an eine Zeit, in der auch sein eigener Weg noch vor ihm lag.
Vielleicht aber sah er einfach nur den Funken und wusste, dass dieser wie manch anderer erlischt, wenn niemand sich seiner annimmt.
So nahm er mich als seinen Knappen an.
Von jenem Tage an wurde Johann mein Herr und Lehrmeister. Er brachte mir bei, zu lesen und zu schreiben, ein Pferd zu führen, Schwert und Schild zu gebrauchen, mich in Rüstung zu bewegen und die Pflichten eines Mannes zu erfüllen, der eines Tages selbst Verantwortung tragen sollte.
Doch je länger ich an seiner Seite blieb, desto mehr erkannte ich, dass seine wichtigsten Lehren nichts mit Waffen zu tun hatten.
Johann lehrte mich, dass wahre Stärke nicht darin besteht, einen anderen Menschen niederzuschlagen oder zu Fall zu bringen.
Er lehrte mich, dass ein Schwert auch dann in der Scheide bleiben muss, wenn man es ziehen könnte.
Er lehrte mich, das Leben zu achten – auch das eines Feindes.
Er lehrte mich Freundlichkeit und Barmherzigkeit, ohne dabei jemals die Härte des Lebens zu verleugnen.
Und er lehrte mich etwas, das ich von einem Ritter, der so vieles erlebt hatte, wohl am wenigsten erwartet hätte:
Das Leben zu genießen.
Nicht leichtfertig und nicht ohne Pflicht. Sondern gerade weil das Leben vergänglich ist.
Ein gutes Mahl nach einem langen Ritt. Ein warmer Platz am Feuer. Das Lachen eines Freundes. Ein schöner Morgen. Ein gutes Pferd unter sich. Die Freude darüber, einen weiteren Tag gesund erlebt zu haben.
Johann zeigte mir, dass auch diese kleinen Dinge ihren Wert besitzen.
Vielleicht war dies eine der größten Lehren, die er mir gab.
Denn Johann selbst hatte erfahren, wie schnell einem Menschen all dies genommen werden kann.
Mit jedem Jahr, das ich an seiner Seite verbrachte, wurde aus meinem Herrn mein Lehrmeister.
Aus meinem Lehrmeister wurde mein Vertrauter.
Und aus unserem Bund erwuchs schließlich etwas, das weit über die Pflichten eines Ritters und seines Knappen hinausging:
eine enge Freundschaft.
Der Unterschied unserer Jahre vermochte diese Freundschaft nicht zu mindern. Im Gegenteil.
Wo mir die Erfahrung fehlte, gab Johann mir seinen Rat. Wo ich unbedacht war, bewahrte er mich vor Fehlern. Wo ich zu schnell zum Schwert greifen wollte, erinnerte er mich daran, dass ein wahrer Ritter nicht daran gemessen wird, wie oft er sein Schwert zieht, sondern wie oft er es ruhen lassen kann.
Doch auch Johann war nicht mehr derselbe Mann, seit unsere Wege sich gekreuzt hatten.
Denn ich glaube, dass auch ich ihm etwas gab.
Er hatte viele Jahre seines Lebens im Kampf verbracht. Er hatte den Tod gesehen, Gefangenschaft erduldet und Dinge erlebt, die ein Mensch niemals vergessen kann.
Vielleicht hatte er dabei manchmal vergessen, dass die Welt noch andere Dinge bereithält.
So erinnerte ich ihn daran.
Ich brachte ihm vielleicht ein wenig von jener Unbeschwertheit zurück, die nur die Jugend kennt. Ich brachte ihn zum Lachen, wenn ihm eigentlich nicht danach war. Ich erinnerte ihn daran, einen schönen Tag nicht nur als einen Tag ohne Kampf zu betrachten, sondern als Geschenk.
Er hatte mir gezeigt, wie man lebt.
Und vielleicht zeigte ich ihm, dass es sich noch immer lohnt zu leben.
Heute weiß ich, dass Johann mich niemals zu dem machen wollte, was er selbst war.
Er wollte keinen zweiten Johann von Blankenburg aus mir machen.
Er wollte, dass ich Arvid werde.
Vielleicht lag gerade darin seine größte Stärke als Lehrmeister.
Denn wie beim Erz im Gestein war alles, was ich werden konnte, bereits irgendwo in mir verborgen. Johann konnte es nicht erschaffen. Er konnte es nur erkennen, Geduld haben und mir helfen, es freizulegen.
Er formte mich, ohne mich zu brechen.
Er lehrte mich, ohne mich klein zu machen.
Er führte mich, ohne mir meinen eigenen Weg zu nehmen.
Und je älter ich wurde, desto besser verstand ich, was er einst in mir gesehen hatte.
Den Funken.
Das verborgene Erz.
Das Licht, das noch nicht zu sehen war.
Noch bin ich kein Ritter. Noch liegt vieles vor mir und manches werde ich wohl erst durch eigene Fehler lernen müssen. Doch wenn dereinst die Stunde kommt, in der ich selbst ein Schwert tragen und Verantwortung für andere übernehmen soll, werde ich mich daran erinnern, wem ich so vieles zu verdanken habe.
Nicht nur meinem Herrn.
Nicht nur meinem Lehrmeister.
Sondern meinem engen Freund Johann von Blankenburg.
Und vielleicht wird dann ein Teil jenes Lichtes, das er einst in mir gesehen hat, auf ihn zurückfallen.
Denn inzwischen weiß ich:
Manchmal braucht selbst ein Ritter jemanden, der ihn daran erinnert, dass in seinem eigenen Herzen noch ein Funken brennt.
Und vielleicht war es nie allein Johann, der das Erz zum Strahlen brachte.
Vielleicht haben wir beide einander dabei geholfen.




